Nomadischer versus Sesshafter Kapitalismus

„Standartmäßig“ geht die Antisemitismusforschung davon aus, dass es beim Antisemitismus rein um die Ablehnung sogenannten „raffendes Kapital“ (Finanzmärkte…) und „schaffendes Kapital“ (Industrie, Handwerk, „ehrliche Arbeit“).

Dies würde aber bedeuten, dass es vor dem Mittelalter nichts was „Antisemitismus“ genannt werden kann gegeben haben kann, da die frühen Juden sich nicht auf Zinsgeschäfte spezialisieren mussten. Dies würde bedeuten, dass es Juden in Europa vor 1150, vor der Zeit als der Papst allein den Juden Zinsgeschäfte erlaubte, super ging.

Dies greift meiner Meinung nach erheblich zu kurz.

Schon im alten Testament, also der Thora, wird beim Kampf von Kain gegen Abel zwei Wirtschaftsformen gegenübergestellt. Die nomadische (Abel) wird als die von Gott geliebte dargestellt, die andere nicht. Dass sich beide unterscheiden, ist klar. Und klar ist auch, dass in dieser Gegenüberstellung der sesshafte Ackerbauer sich zwangsläufig als der „produktivere“ sehen muss, der „selber“ Waren erschafft. Der Nomade dagegen trennt den Boden aus dem „selber erwirtschaften“ heraus, überlässt ihn der Natur, oder Gott, und zieht mit seinem Vieh dort hin, wo es etwas zu „gewinnen“ gibt, ähnlich wie ein Anleger sein Kapital dort investiert wo es vielversprechend ist, wo Profit zu erwarten ist.

Kann es nicht eher so sein, dass die Sache mit dem „raffenden Kapital“ nur als Entschuldigung, als Rechtfertigung des Antisemitismus gebraucht wurde? Und ist es nicht so, dass den Juden die ungeliebte Aufgabe des Geldverleihens zugeschoben wurde WEIL es schon 1000 nach Christus Antisemitismus längst gab? Gab es nicht viel eher einen fließenden Übergang von der Antike in die Neuzeit anstatt eines plötzlichen „Hoppla, jetzt ist Mittelalter“? Und anstatt ständig nachzubeten was die Antisemiten den Juden unterstellt haben, ist es nicht eher angebracht nachzufragen was die Ideologie der Antisemiten ist und war?

Die Christen, vor allem in Europa, sind mehrheitlich nicht einem „Judentum mit Jesus als Mesias“ beigetreten sondern der Religion die den „Sohn Gottes“ propagiert hat. Die christliche Religion mischte sich dabei wahrscheinlich mit Moralvorstellungen der sesshaften Europäer.

Spätestens bei Luther, aber wohl schon davor, spielte der „Glaube“ im Christentum eine zentrale Rolle. Nicht die Taten sondern eine zwar anstrengende und kraftraubende aber wenig „produktive“ Geistesanstrengung war es, durch die der Gläubige gerettet werden sollte. Die jüdischen Gebote dagegen sind viel konkreter. Nicht derjenige der den Willen zur Beschneidung aufbringt erfüllt Gottes Plan sondern der der es tut. Der „sesshafte Christ“ dagegen belohnt die Anstrengung, den Willen zur „Leistung“, nicht etwa den Ertrag!

Nochmal: Nur weil Antisemiten sagen, dass die Juden nur „raffende“ Kapitalisten und die Deutschen „schaffende“ seien, muss das nicht bedeutet, dass das auch stimmt.

Die Arbeitsmoral der „sesshaften Christen“ beruht auf Glaube, Wille und besonders Schweiß. Auch heute noch. „Der, der früh aufsteht“ soll belohnt werden, von Effizienz, Ertrag oder Profit ist da nicht viel die Rede.

Wenn man davon ausgeht, dass sowohl in der Antike, als auch im Mittelalter die Juden weniger (fruchtbares) Land als „Besitz“ hatten, so mussten sie immer schon aus weniger Besitz mehr Profit schlagen, effizienter sein. Dies ging nur wenn sie das Kapital wandern ließen. Aber es brauchte wenigstens etwas Kapital.

Der sesshafte Mensch hat, aus welchen Gründen auch immer, eine Ideologie des Schweißes begründet, die die innere und äußere Anstrengung, den Willen zur Leistung, belohnt. Diese Ideologie ist eine Ideologie der „Betriebsamkeit, und der „mangelnden Effizienz“, die nur funktioniert wenn man Boden und Gerätschaften besitzt und anderen sie vorenthält.

Frage: Warum bereitete sich das Neolithikum aus? Weil es Land benötigte aber auch da die ganze Kultur darauf beruhte Land zu besitzen statt hindurchzuwandern. Die Sesshafte Kultur beruht darauf das Kapital stillzulegen, es aus dem Verkehr zu nehmen, der Wanderschaft zu entziehen. Der Sesshafte kann vom Land oder vom Kapital nur profitieren wenn er es behält. Der Reichtum des sesshaften Kapitalisten entsteht wenn er das Kapital anderen Menschen entzieht, sie davon ausgrenzt. Der „sesshafte Kapitalismus“ setzt dem Wettbewerb ein Ende indem er das Kapital umzäunt und damit dafür sorgt, dass sowieso nur noch derjenige Erträge ernten kann der im Besitz des Kapitals, oder des Bodens ist. (Wurde das Geldverleihen auch deshalb den Juden überlassen, da kein „sesshafter Christ“ mit Grundbesitz dieses Risiko eingehen wollte bzw. musste?) Wenn im Zuge der Ausbreitung des Neolithikums Menschen Land „in Besitz“ genommen hatten, dann war es klar, dass nur sie, die Besitzer des Landes, davon profitieren. Der Wettbewerb war außer Kraft gesetzt. Es kam nicht mehr darauf an welcher Jäger am meisten jagte oder welcher Nomade die richtigen Weidegründe wählte. Der Besitzer erntet als einziger. Punkt. In diesem außer Kraft gesetztem Wettbewerb mussten andere Kriterien her um einen guten von einem schlechten Arbeiter zu unterscheiden. Der Ertrag konnte nicht mehr herangezogen werden, da der Wettbewerb außer Kraft gesetzt war. Schweiß musste herhalten. Derjenige der am meisten schwitzte, das musste dann wohl der „Tüchtige“ sein. Ob das „böswillig“ geschah oder sich einfach aus dieser Wirtschaftsweise so ergab, das sei dahingestellt. Die Wirtschaftsweise der Sesshaften, und schließlich der Antisemiten, propagiert einen Kapitalismus ohne Wettbewerb. Die Juden wurden in das Geschäft als Geldverleiher gedrängt, da nur sie das Risiko eingehen sollten, welches im Wettbewerb besteht. Bei den Sesshaften war es so, dass die Grundbesitzer kein Risiko durch Kreditvergabe eingehen wollten und mussten, die Armen gar kein Kapital hatten was sie verleihen konnten.

Der sesshafte Kapitalismus ist ein Kapitalismus ohne Wettbewerb. Der Gewinner ist derjenige der Kapital hat, zumindest wenn er sich nicht total dämlich anstellt. Im „nomadischen Kapitalismus“, wo ein wichtiger Teil des Kapitals (der Boden/das Land) jedem Teilnehmer zur Verfügung steht, um auf ihm Entscheidungen zu treffen, zu spekulieren und sich zu bewegen, herrscht Wettbewerb und Risiko. Man kann klar erkennen wer mehr (Fleisch) „erntet“, wer mehr Profit macht. Dabei kann es geschehen, dass derjenige der wenig schwitzt gewinnt, einfach weil er richtig spekuliert hat, auf die richtige Investition oder auf das richtige Weideland gesetzt hat.

Wettbewerb wird nicht immer als „fair“ empfunden, da oft die gewinnen die wenig schwitzen. Das erweckt, vor allem auf Seiten einer Kultur die den Schweiß verherrlicht, Misstrauen und Missgunst.

Der Mythos, dass es allein um den Gegensatz „Schaffendes und raffendes Kapital“ geht, wurde offenbar von Antisemiten selbst in die Welt gesetzt und wurde, von unterschiedlichster Seite, offenbar akzeptiert.

Wer dabei denkt, dass die „deutsche“ Seite, die in diesem Fall die antisemitische ist, stellvertretend für das „schaffende“ oder gar „produktive“ Kapital steht, der verkennt ihren wahren Charakter, verharmlost und verklärt vielleicht sogar diese Seite. Die „deutsche“ Seite ist eben nicht die produktive oder gar die effiziente, da Wettbewerb dort weitgehend verpöhnt ist und elemimiert wurde. „Wettbewerb“ findet nur noch zwischen den (schwitzenden) Arbeitern statt. Der nomadische Kapitalismus ist einer des Wettbewerbs, der nur durch dadurch zu Stande kommt, dass dieser Kapitalismus sowohl auf Privateigentum (Schaafe oder eigenes Geld) aber auch auf eine frei zugängliche „Spielwiesen“ (Land oder Investitionsmöglichkeiten) setzt.

Antisemitische Kapitalismuskritik kritisiert den „wettbewerbsorientierten Kapitalismus“, kritisiert aber offenbar stellvertretend für ihn, die Gewinner. Das ist vielleicht ungefähr so, als würde ein Verlierer im Fußballspiel den Gewinner kritisieren, aber eigentlich die Abschaffung des Wettbewerbs fordern, und dass derjenige der am meisten geschwitzt hat, also er, von einer Kommission zum Sieger erklärt wird.

Nochmal: Im real existierenden sesshaften Kapitalismus ist diese Kommission nicht notwendig, da sowieso immer der Besitzer des Bodennals Sieger da steht. Dementsprechend sieht auch das „gute deutsche Wirtschaften“ aus, das stark durch Risikominimierung und Vollkaskomentalität geprägt ist. Heißt im übertragenen Sinn: Boden wird nie an jemanden verliehen, denn das wäre Risiko, aber immer geguckt wo man neuen Boden dazu bekommen kann.

Aber der nomadische Kapitalismus ist ein fragiles Gerüst. Die Zerstörung droht ständig. Die Zerstörung entsteht vor allem dann wenn ein Nomade auf die eigentlich glorreichen aber egoistische Idee kommt nicht mehr weiterzuziehen (nicht mehr zu investieren), den Boden um ihn herum einzäunt und ihn nur dann abgibt wenn er im Gegenzug dreimal so viel neues Land kriegt. Der nomadische Charakter einer Wirtschaft muss ständig, fast schon künstlich, aufrechterhalten werden (Zum Beispiel durch Monopolverhinderung). Klassischerweise wurde das Nomadentum dadurch zwangsweise aufrechterhalten indem das Gras weggefressen wurde, der Wert des Landes verfiel also, je länger man es behiel. Der Wert stieg aber wenn man es ruhen ließ, genauso wie Zinsen sich anhäufen wenn man Kapital bei einer Investition ruhen lässt. Der Ertrag wird erst geerntet wenn man es abholt. Investitionsscheu zerstört den nomadischen Charakter. Der „gute deutsche Sparer“ will nicht akzeptieren, dass sein Erspartes weniger wird, wenn er es anderen nicht zur Verfügung stellt oder wenn Umverteilung jeglicher Art stattfindet. EZB Chef Draghi übrigens war in diesem Sinne vielleicht der nomadischste, oder wie andere sagen würde, der „raffendste“ aller Kapitalisten unter den Behördenchefs, denn er forderte am dringlichsten, dass Kapital investiert werden muss, dass es „wandern“ muss.

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