Teil 2 (ÜBER TSCHERNOBYL HELDEN UND STRAHLENDE VERLIERER)

Hier, wie versprochen, weitere Details, ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Zu viele medizinische Details würden hier auch nur überfordern und eigentlich unnötig, deshalb beschränk ich mich auf möglichst kurze Aussagen. Und jeder der etwas an diesen Aussagen auszusetzen hat, der soll mich verklagen oder sie so hinnehmen. Ich entschuldige mich trotzdem wenn Menschen die „fachfremd“ sind, mit vielen Sachen die ich hier schreibe nichts anfangen können. Aber die Leute an die es gerichtet ist, ich glaube die wissen schon was ich meine.

In zum Beispiel folgenden Artikeln wird das Bild eines heroisch für die Patienten kämpfenden Professor Reiners gezeigt:

http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-super-gau-von-tschernobyl-tschernobyl-hat-mein-leben-veraendert-1.1086775

https://www.mainpost.de/ueberregional/bayern/Nuklearmedizin-Nuklearmediziner-Reaktorkatastrophe-von-Tschernobyl-Reaktorkatastrophen-Reaktorkerne;art16683,9203925

oder auch:

https://www.uni-wuerzburg.de/sonstiges/meldungen/single/artikel/hohe-ueberl/

Was der außenstehende nicht nachvollziehen kann: Was dieser Mann wirklich geleistet hat, ist nichts. Auch muss man sich ernsthaft die Frage stellen was mit den anderen Tschernobyl Opfern passiert ist, die eine Krebsform bekommen hatten, die nicht einfach durch Radiojodtherapie behandelt werden konnten. Was ist mit diesen Patienten? Wurden die auch nach Deutschland eingeladen? Warum wurden offenbar nur die Patienten nach Deutschland eingeladen, bei denen klar war, dass man sie heilen kann? Weil es nicht so schön in den Lebenslauf passt wenn man 100 Leukämiekranke Kinder einladen würde, und vielleicht mehr als die Hälfte trotzdem sterben?

Diese Patienten, von denen in solchen Artikeln die Rede ist, hatten eine Schilddrüsenkrebs Variante, die heutzutage „jeder Depp“ behandeln kann, solange er die technischen Möglichkeiten hat. Heißt: In jeder europäischen Klinik wären diese Patienten geheilt wurden.

Eine Frage die sich aber nun stellt: Warum musste der Patient mit dem Namen Pavel trotzdem sterben? Und hier muss die Antwort leider heißen: Pavel starb weil Reiners ihn getötet hat. Es gibt einfach keinen Grund den man sich herleiten kann warum der Tod dieses Patienten „unausweichlich“ war.

In den Artikeln steht, er starb an einer „Nebenwirkung“ der Behandlung. Das ist ungefähr so, als wenn ein Operateur, der mit einer Axt den Patienten zerhackt im Arztbericht schreibt „Der Patient starb an Komplikationen“.

Was man wissen muss: Die Schilddrüsenkrebszellen, die bei Pavel (so muss man sich das anhand der Berichte zusammenreimen) die Lunge befallen hatten, waren so fein verteilt, dass sie zwar gut Jod aufnehmen, und damit gut auf die Behandlung ansprechen, aber gleichzeitig auch, bei zu hoher Gabe, die Lunge durch das radioaktive Jod beschädigt wird. Und ich denke jeder seriöse Nuklear- oder Strahlenmediziner weiß, dass man die Lunge nicht einfach so bestrahlen kann, ohne drastische Folgen. Aber genau dies ist bei Pavel offenbar passiert. Wie hoch muss die Dosis gewesen sein, die Pavel langsam, über die nächsten 15 Jahre tötete? Ich weiß es nicht.

Eine mögliche Antwort liefern Reiners eigene Berichte von Fällen in denen seine Behandlung erfolgreich und offenbar nicht tödlich war. Es wird zum Beispiel von einem Fall berichtet, bei dem eine junge Patientin, mit ähnlichem Lungenbefall in vier „Therapiesitzungen“, mit je 6000 MBq (was schon sehr hohe Dosen sind, normal sind 3000), geheilt wurde. Laut Reiners „ohne Nebenwirkungen. Was ich mich aber frage: Wenn bei solch einem ausgedehntem Lungenbefall 6000MBq „ohne Nebenwirkungen“ sind, wie hoch muss dann die Dosis bei Pavel gewesen sein? Und warum? 9000? 15000? 100.000??? Wie gesagt, ich weiß es nicht. Aber nur weil ich etwas nicht weiß, hindert es mich nicht daran es anzuprangern. Ich weiß nicht wie eine Atombombe gebaut wird und behalte mir trotzdem das Recht vor einen Atombombenabwurf anzuprangern und zu verurteilen.

Nach allem was ich weiß bleibt für mich nur eine Schlussfolgerung: Pavel würde immer noch leben wenn er an einen seriösen Strahlenmediziner geraten wäre, der einfach nur fachlich kompetent seine Arbeit macht. Welche vernünftige Erklärung gibt es dafür, dass Pavels Lunge zerstrahlt wurde? Ich finde keine. Ich kann mir kein Szenario zusammenreimen bei der die Zerstörung der Lunge die einzige Lösung ist um ein paar Jahre zusätzliche Lebenszeit zu erreichen. Die einzige Erklärung die ich habe: Professor Reiners wusste nicht was er tat, aber durch irgendwelche mir nicht bekannten Umstände konnte dieser Mann in einer Position gelangen indem er so ein Unheil anrichten konnte.

Ein weiteres Detail: Als bei mir ca. im Jahre 2000 eine ähnliche (oder gleche?) Diagnose gestellt wurde, war zuerst die Aufregung groß, nach einigen Stunden hieß es aber „Das was Sie haben ist zwar selten aber gut behandelbar, man darf nur nicht zu hoch bestrahlen, weil sonst bekommt man eine Lunge wie ein 30 jähriger Kettenraucher“. Was ich mich inzwischen aber frage: Woher hat man dieses Wissen? Woher weiß man, dass ein Patient mit diffusem Lungenbefall, der eine Überdosis bekommt, eine zerstörte Lunge bekommt? Und vor allem, nochmal: Wie hoch muss diese Dosis sein wenn 6000MBq (eine schon sehr hohe Dosis, die nur ganz selten, in schweren Fällen, gegeben wird) „ohne Nebenwirkungen“ vertragen werden?

Was offensichtlich erscheint: Man hat gelernt. Aber man hat auf Kosten von Opfern gelernt. Wenn heute Professor Reiners als „hochkompetenter“ Arzt gefeiert wird, dem sogar Preise verliehen werden, weil ihm angeblich das Wohl der Patienten am Herzen liegt, dann muss man sagen: Er weiß ganz offensichtlich was man nicht machen sollte, weil er es selbst ausprobiert hat. Ich will hier nicht weiter schreiben weil es sonst zwangsläufig auf Nazivergleiche hinaus läuft.

Nur noch zwei Sachen:

Erstens: Die sogenannte „Dosimetrie“, die Reiners offenbar anwendete um die Dosis bei der Behandlung von Schilddrüsenkrebs „zu berechnen“ ist so grober Unfug, dass es sich gar nicht lohnt darüber zu schreiben. Es ist einfach gnadenloser Quatsch und es gibt so viele Detail die dieses Verfahren nicht berücksichtigt, dass ich es mir erspare diese alle aufzulisten. Es ist einfach ein totalen unsinniges Verfahren. Ok: Oder um es kurz auszudrücken: Nach der Logik dieses Verfahrens müsste jeder Patient, der geheilt ist und bei dem aber vermutet wird, dass eventuell einzelne Krebszellen überlebt haben eine so absurd hohe Dosis bekommen, dass er an der Therapie stirbt.

Zweitens: Wenn man sich zum Beispiel im dritten oben verlinkten Artikel die „Szintigrafie“ Bilder des Patienten ansieht, wo stolz berichtet wird, dass „alle krankheitsbedingten Anzeichen einer Jodspeicherung“ verschwunden sind, dann muss man etwas genauer hinschauen um zu erkennen: Eigentlich ist alles weniger geworden was vorher Jod gespeichert hat. Nicht nur die Lunge und die Metastasen sind plötzlich hell statt dunkel. Auch die Nase, die Speicheldrüsen etc. Alles was vorher Jod gespeichert hat, egal ob krankes oder gesundes Gewebe, ist nun zerstört und speicher kein oder weniger Jod. Trotzdem ist in entsprechenden Berichten immer wieder zu lesen, dass die Behandlung „ohne Nebenwirkungen“ durchgeführt wurde. Das kann nicht sein. Wenn die Speicheldrüsen und anderes was Jod speichert, so zerstört wurden, dass man es auf den Bildern sieht, dann sind das erhebliche Nebenwirkungen und die Wirkungen auf das Blutbild und das Risiko an weiteren strahlenbedingten Krebsarten zu erkranken muss man noch hinzudenken.

Was bleibt ist das Bild von einem Mediziner, der sich eine Krebsart rausgesucht hat, die „jeder Depp“ behandeln kann, und sich nun als „Tschernobyl Heroe“ feiert. Und es bleibt das Bild einer „Fachdisziplin“ in der offenbar Hierarchien und Intransparent verhindern, dass notwendiges Wissen und Erfahrungen weiterverbreitet wird. Stattdessen herrscht eine „Trial & Error“ Kultur vor, die irgendwo zwischen „Wenn sie jetzt nicht diese Tablette mit hochradioaktiven Stoffen schlucken, dann sterben sie!“ und „wir wollen jetzt noch nicht alles Pulver verschießen, die Therapie ist gefährlicher als ihre Krankheit.“ schwebt.

Pavel musste das mit dem Leben bezahlen. Warum? Weil irgendwann ein Arzt ihm und seinen Eltern weiß machte „Er muss jetzt diese hohe Dosis nehmen, sonst stirbt er!“? Oder weil irgendein Arzt sagte „Ach, der Junge verkraftet das schon, das spürt man gar nicht!“? Ich weiß es nicht. Aber ich sehe weiterhin keinen vernünftigen Grund warum Pavel sterben musste, genauso wie ich keinen vernünftigen Grund sehe wenn ein Arzt bei einer Blinddarmoperation dem Patienten mit einer Axt in den Bauch schlägt.

Wie gesagt, wer auch immer mich verklagen will, mein Name und Adresse:

Malte-Carsten Seidler

Groß Kielstein 57

24118 Kiel

Fortsetzung folgt.

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4 Kommentare

  1. Oh Malte. Erstmal Danke , für den Artikel, und für den Mut mit diesem Inhalt an die Öffentlichkeit zu gehen ( ick bin die merkwürdige nicht mehr junge Dame, die derzeit ganz zaghaft auf fb , sogar noch unter Privatsphäreneinstellung “ Freunde“ versuchte bei nem gänzlich anderen Thema was ähnliches versuchte…)

    Bin ich überrascht, entsetzt oder Ähnliches? Nein, bin ich definitiv nicht. Zu Beginn meinerHP-Ausbildung sag ich mal in nem Dermatologieatlas ein foto von nem Röntgenulcus…Bereich dorsokranial…man sah auf die Dornfortsätze in zermatschtem Gewebe…drunter wurde sachlich-nüchtern drüber aufgeklärt, das das Ulcus so seit zwanzig Jahren bestand und das Relikt einer diagnostischen Maßnahme war. Mich hat das Bild Jahrelang verfolgt, deutlicher war das “ denn sie wissen nicht was sie tun“ nicht ausdrückbar…und das hat sich bis heute nicht geändert. Wie sich auch das arbeiten mit Angst, den Patienten mittels Horrorszenarien zur Zustimmung von Maßnahmen zu bewegen die Mediziner erstens in ihrer Wirkung und Konsequenz nicht ansatzweise selbst durchschauen und die zweitens…gutes Geld in die Kassen spühlen.

    Rette sich wer kann ist das einzige was mir dazu noch einfällt. Dummerweise steht auf den Vertretern der Weißkittelzunft nicht drauf was am Ende bei rauskommt. Schlauer ist man ergo immer erst hinterher und zur Not hat mans dann mit dem Leben bezahlt.

    Danke. Lieben Gruß…ick oute mich mal 😉 Christiane Strohbusch

    ( sorry, ich hab immer noch keinen Privataccount, drum nutz ich, wegen Faulheit und so immer den Gartenfreunde-WP-account)

  2. Ich weiß doch wer du bist, alles gute nochmal und feier schön ^^. Das sieht man aber auch mal wieder wie schwierig das ist. Ich versteh den Fall den du schilderst nicht auf Anhieb, und so werden auch viele das was ich hier schreibe nicht verstehen und im Zweifel der „Autorität“ im weißen Kittel glauben… Ich möchte auch betonen, dass es mir nicht um generelle Kritik an „der Schulmedizin“ geht. Ich sag sogar eher, dass eben NICHT „schulmäßig“ korrekt gehandelt wird. Wie ich oben schon andeutete: Wenn in einem „Dosimetrie“ Verfahren (Ich weiß, sorry, ist für außenstehende jetzt schwer nachvollziebar) mit irgendwelchen Zahlen, die teilweise völlig aus dem Zusammenhang gerissen werden, irgendwelche Strahlendosen errechnet werden, ist das nichts als Hokuspokus. Ich hatte immer die Hoffnung, dass die heutige Medizin, in bester aufklärerischer Tradition, rein faktenbasiert und „vernünftig“ handelt. Inzwischen habe ich eher das Gefühl, dass die reelle Gefahr besteht, dass Medizin, ähnlich wie andere „Wissenschaften“ zu einer Art Pseudowissenschaft verkommt, wo man Sachen und Handlungen nicht mehr anhand von Fakten herleitet sondern sich auf Lehrmeinungen und Autoritäten beruft, die sich wieder auf irgendwas berufen… So ist es heutzutage üblich, dass Patienten die mit nem Knoten in irgendnem Organ erstmal sowas zu hören bekommen wie „In 95% der Fälle sind solche Knoten harmlos“ und dementsprechend auch die Therapie geplant wird. Aber das ist Blödsinn. Solche Zahlenspielereien verhindern dann nur, dass die Ärzte die Knoten genauer ansehen. Und ein Knoten der „bösartig aussieht“ ist dann wohl auch meist bösartig und einer der „gutartig aussieht“, dann wohl eher nicht. Aber solche Feinheiten, solche Beurteilungen der Fakten geschehen nicht wenn man sich pseudowissenschaftlich auf irgendwelche Statistiken beruft, wo einfach mal alle möglichen Arten von Knoten zusammengeschmissen werden. Und zu den 1% an Fehlbehandlungen die ich einfach mal genannt hab: Ja, stand halt irgendwo im Netz. 1% sind schon schlimm genug finde ich. Wenn du andere Zahlen hast, dann auch gut.

  3. Oh, ich hab mich letzt näher mit Forschung zu Virologie beschäftigt.. auch spannend wenn man schaut auf welche Quellen man sich da so bezieht, wie was zustande kam, evtl Irrtümer sogar längst berichtigt aber nicht in die folgende praktische Forschung übernommen wurden ect pp…..

    Jeh tiefer man gräbt desto weniger kommt man ausm Staunen mehr raus.

    Wenn man sich dann in anderen Gebieten WHO-Empfehlungen schon vor etlichen Jahren ansieht und dem fegenüber und im totalen Widerspruch gängige Praxis, die weiter so verfährt als wär nix gewesen…oder auch Schmerztherapie und Palliativmedizin, was es an Erkenntnissen gibt, und das es trotzdem nicht angewendet wird, OP-Indikationen bzw Nicht-Indikationen und wo überall operiert wird, und wonach sich dann Empfehlungen zur OP ausrichten, eben nicht an realer Indikation, sondern an Belegbettenzahlen ect

    Hey, ich war irgendwann für mich persönlich an nem Punkt, da wurd mir nur noch schwindlig. Fazit? Wiederum nur für mich persönlich: wo Wissenschaft drauf steht ist heutzutage vor allem Geld drin…und Ergebnisse richten sich vor allem danach. Für mich persönlich…bin ich durch mit dem Thema offizielle Medizin, einfach weil ich NICHT beurteilen kann, was sich in der “ Packung“ versteckt, und es wiederum für mich persönlich ablehne, es erst durch ausprobieren am eignen Leib zu erfahren. Das Restrisiko…ich sterb dann irgendwann mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit an etwas…(ob das etwas irgendwer als behandelbar oder nicht einordnet kann mir Latte sein)… trage ich bewußt und gern.
    In punkto, ich und mein Tumor führen eine friedliche Coexistenz, inzwischen seit über drei Jahren…und sie wird immer friedlicher.

    Lieben Gruß, Christiane

  4. …was übrigens nicht heißt, das ich mir nicht ebenso irgendwann etwas selbst widersprechen kann (. Nennt man glaub Meinung ändern…), falls mir ein Arzt übern weg läuft und eine Behandlungsmethode, der ich vertrauen kann da sie transparent ist…und ich denn in dem Moment die passende Erkrankung dazu hab 🙂

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