Braucht das ungewollte Leben eine Lobby?

Wenn es so ist, dass das Wort „Selbstbestimmung (der Frau)“ nicht ausreicht um eine fundierte Haltung zum Thema Abtreibung und Pränataldiagnostik und allen damit zusammenhängenden Fragen zu begründen, wenn es also so ist, dass man mit  „Feminimus“ und „(Lebens-) Rechte von Menschen mit Behinderung“ mindestens zwei berechtigte Anliegen hat, die sich teilweise ausschließen, dann stellt sich für mich eine Frage: Ist es berechtigt wenn „ungewollte Kinder“ abgetrieben werden? Bzw.: Wo ist die Lobby für „ungewollte Kinder“?

Wenn aus feministischer Sicht es berechtigt ist „ungewollte Kinder“ abzutreiben, aus behindertenrechtlicher Sicht aber unberechtigt ist „selektiv“ abzutreiben, dann ergibt sich eine „gemäßigte Pro-Choice“ Haltung, die Abtreibung generell bejaht, aber bestimmte (pränatal-)diagnostische Methoden, zur Selektierung von „lebensunwerten und lebenswerten“, ablehnt.

So eine „gemäßigte Pro-Choice“ Haltung sagt also, dass nicht abgetrieben oder selektiert werden darf, wenn es darum geht ob das Kind männlich oder weiblich, blond oder schwarzhaarig, behindert oder nichtbehindert usw. ist. Es darf nicht abgetrieben werden weil die Frau kein behindertes Kind haben will, weil das die Rechte der Menschen mit Behinderung beeinträchtigt.

Es darf nur abgetrieben werden um „ungewollte“ Schwangerschaften zu beenden.

Nun ist es aber so, dass, wenn man zum Beispiel im Internet nach Texten zum Thema „ungewolltes Kind“ sucht, nicht nur die Perspektive der Frau behandelt wird, sondern erstaunlich oft eine Perspektive des „ungewollten Kindes“ thematisiert wird. Und dementsprechend sind Aussagen zu finden wie: „Ungewollte Kinder haben ein höheres Risoko an Schizophrenie zu erkranken“ oder „Ungewollte Kinder haben weniger Chancen im Leben. Siehe auch folgende, wahllos aus dem Internet gefischte Seite: http://www.svss-uspda.ch/de/facts/kind.htm

 „Ungewollte Kinder“ haben es also schwer im Leben. Schwerer als „gewollte Kinder“. Das ganze gipfelt (siehe verlinkte Webseite) in der Haltung , dass man, ich drücke es mal so krass aus, aber der Originaltext ist nicht weniger deutlich, dass man „ungewollten Kindern“ einen Gefallen tut wenn man sie abtreibt und ihnen dieses schreckliche Leben erspart. Zitat: „Das dramatische Schicksal von unerwünscht geborenen und abgelehnten Kindern ist ein „durchschlagendes Argument für die Beseitigung der gesetzlichen und sozialen Stigmatisierung der Abtreibung, so dass unerwünschte Kinder nicht geboren werden müssen“ (R.J. Gelles, zit. in G. Amendt).

Wenn man es von dieser Seite betrachtet, dann sind die Parallelen erschreckend. Wenn man „ungewollte Kinder“ abtreibt, dann erspart man ihnen also ein schlechtes Leben, genauso wie man (laut „radikaler Pro-Choice Haltung“) behinderten Kindern ein schlechtes Leben erspart wenn man sie abtreibt.

Ist die Unterscheidung zwischen „gewollten“ und „ungewollten“ Kindern also eine menschenverachtende Selektion die abzulehnen ist?

Ist ein Kind das in einem Slum aufwachsen würde, geboren von einer minderjährigen und armen Mutter die ungewollt, vielleicht sogar wegen Gewalt, schwanger wurde, also ein „lebensunwertes Leben“ im Gegensatz zum gewollten Kind, das in der Vorstadt in einem Haus, behütet von gut verdienenden bürgerlichen Eltern aufwächst?

In Gegenwart von Menschen mit Behinderung traut sich kaum jemand zu sagen, dass es doch ganz toll ist wenn man zum Beispiel Kinder mit Down-Syndrom abtreibt. Was ist aber wenn man einem Menschen gegenüber sitzt, der „ungewollt“ war? Soll man dem ins Gesicht sagen, dass es doch total traurig ist, dass seine Mutter überredet wurde das Kind zu bekommen obwohl sie es nicht wollte?

Ein Beispiel was mir spontan einfällt:

Die Mutter des Fußballstars Christiano Ronaldo wollte ihr Kind eigentlich abtreiben. Sie hatte schon viele Kinder und sie hatten kein Geld, der Vater war Trinker usw. Also ging sie zum Arzt mit dem Wunsch nach Abtreibung. Dieser Arzt ging nicht auf den Wunsch der Mutter ein sondern „überredete“ (beriet?) die Mutter und sagte ihr, dass sie das doch schaffen werden auch noch dieses „ungewollte“ Kind aufzuziehen, auch wenn es Mühe bereiten wird. Inzwischen ist natürlich jeder in der Familie froh, dass nicht abgetreiben wurde, schließlich wurde aus dem „ungewollten Kind“ einer der berühmtesten Fußballspieler unserer Zeit.

Behauptung: Wenn die Mutter damals gewusst hätte, dass das „ungewollte Kind“ ein Fußballstar wird, und die ganze Familie im Alleingang ernähren wird, dann hätte sie nie daran gedacht abzutreiben.

Selbstbestimmte Entscheidung ist nur möglich wenn man vollständige Informationen hat. Siehe auch Interview von Kirsten Achtelik: https://cba.fro.at/328139

Ganz offensichtlich ist es so gewesen, dass die Mutter von Christiano Ronaldo nicht vollständige Informationen hatte. Sie ist davon ausgegangen, dass ihr Kind ein weiteres „normales“ Kind wird, das ein mittelmäßig bis schlechtes Leben auf einer kleinen Atlantikinsel verbringen wird. Dazu noch „ungewollt“ und mit einem Trinker als Vater. Sie ging davon aus, dass sie dem Kind einen Gefallen tut, wenn sie ihm dieses Leben erspart. Sie wusste nicht, dass ihr „ungewolltes“ Kind sehr talentiert ist.

Nochmal die Frage: Ist die Unterscheidung zwischen „ungewolltem“ und „gewolltem“ Kind also eine Selektion, die abzulehnen ist? Hat das ungewollte Kind also doch ein „Recht auf Leben“?

Ich will ja nicht zu persönlich werden aber: Ich bin, vielleicht im Gegensatz zu vielen „Mainstream-Linken“, die oft aus gutbürgerlichen Elternhäusern stammen, als Kind einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Nach allem was ich weiß war ich nicht unbedingt ein klassisch „geplantes“ Kind. Zumindest mein leiblicher Vater wollte offenbar überhaupt nicht, dass aus dem „Techtelmechtel“ ein Kind entsteht. Und ja, diese spürbare Ablehnung hat mein Leben wohl schwerer gemacht. Aber trotzdem bin ich froh, dass niemand meiner Mutter eingeredet hat, dass es doch sinnvoll ist mir „dieses schlimme Leben zu ersparen“. Ich empfinde diese Haltung eher als Angriff. Bin ich im Gegensatz zu Kindern aus gutbürgerlichem Elternhaus ein Leben das „unlebenswerter“ ist? Muss sich irgendjemand dafür rechtfertigen, dass dieses meine seltsame und chaotische Leben „zugelassen“ wurde, genauso wie sich jemand rechtfertigen muss wenn ein Kind mit Down-Syndrom nicht abgetrieben wurde?

These: Die Einteilung in „ungewollte“ und „gewollte“ Kinder ist auch eine Art Selektion, die darüber hinaus noch aufgrund mangelnder Informationen geschieht. Wird eine arme Frau im Slum ihr ungewolltes Kind abtreiben wenn sie weiß, dass ihr Kind sehr intelligent sein wird und später mal Professor/in wird? Wahrscheinlich nicht. Aber das weiß sie nicht. In dem Moment, in dem die Entscheidung zur Abtreibung geschieht, wird davon ausgegangen, dass das Kind ein „schlechtes Leben“, in einem schlechten Umfeld, mit „erhöhtem Risiko an Schizophrenie zu erkranken“, haben wird.

Weitere These: Das „ungewollte Kind“ wird nur dadurch zum ungewollten Kind, weil die Frau davon ausgeht, dass dieses Kind sowieso ein schlechtes Leben haben wird. Genauso wie ein ursprünglich gewolltes Kind plötzlich zum ungewollten Kind werden kann, wenn laut einer Untersuchung „Ihr Kind nicht lange leben wird“ oder „am Down Syndrom leidet“. Vielleicht wäre es sogar so, dass eine fortschrittliche Untersuchungsmethode, die zum Beispiel ein „außergewöhnliches Fußballtalent“ diagnostizieren könnte, eine ungewollte Schwangere dazu bringen könnte ihre Entscheidung zu ändern. Wenn die Frau wüsste, dass ihr ungewolltes Kind überdurchschnittlich begabt ist, dann würde aus dem ungewollten ein gewolltes Kind werden. Allein das fehlende Wissen, die unvollständigen Informationen, lassen das Kind zum „ungewollten Kind“ werden.

Ich glaube ich brauche hier nicht weiter zu schreiben, es ist wohl klar worauf meine Gedankengänge hinauslaufen.

Mir ist bewusst, dass diese Herangehensweise so überhaupt nicht dem entspricht was im „linken Lager“ gesagt wird (übrigens weder von „antiimperialistischen“ noch von „antideutschen“ Linken, wobei „die Antideutschen“ derzeit meiner Meinung nach eigentlich keine eigene, erkennbare, Position zum Thema haben).

Wenn jede Einteilung von Kindern in „ungewollt“ oder „gewollt“ oder „männlich“ oder „weiblich“ oder „weiß“ oder „schwarz“ oder „behindert“ oder „normal“ also eine menschenunwürdige Selektion ist, heißt das, dass man aus einer „Anti-Euthanasie“ Sichtweise jede Abtreibung ablehnen muss? Heißt das, dass „aus feministischer Sicht“ allein die Vergewaltigung oder eine akute körperliche Bedrohung der Frau abzulehnen ist, aber es ungerechtfertigt ist „ungewollte Kinder“ abzutreiben, da es nichts weiter ist als eine Diskriminierung von Menschen die nicht in einem gut behüteten, gutbürgerlichen Elternhaus aufwachsen?

Zumindest spricht einiges dafür und deswegen traue ich mich das zur Diskussion zu stellen.

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