Warum strenggläubige aber diverse Amerikaner Garanten der Freiheit sein können

(Und warum laizistische aber homogene Europäer ihr Heil unter Umständen im autoritären Staat suchen).

Ich hab gerade Ted Cruz gesehen wie er auf dem Parteitag der Republikaner nach „Freedom“ schrie. Gerade Ted Cruz, der soweit ich weiß, sich doch bedingungslos Gott hingibt. Das hat mich bewogen folgenden schwierigen Text zu schreiben, in dem ich vielleicht eine meiner Fragen (Was motiviert die Menschen bedingungslos für Freiheit und Demokratie zu kämpfen) selbst beantworte:

Klingt jetzt vielleicht etwas zusammengeschustert und teilweise vielleicht verschwörungstheoretisch (oder eben nicht?). Wenn man mal davon ausgeht, dass die USA wirklich der weltweite Garant für Demokratie sind, und ein Interesse an der Ausbreitung und Stabilisierung von Demokratie haben, wie kann das sein? Warum sollte das so sein? Und warum ist die USA innen stabil, also warum haben die Amerikaner selber ein Interesse daran die Demokratie beizuhalten und nicht gegen einen rechten oder linken oder religiösen authoritären Staat einzutauschen?

Meine erste spontane Idee: Vielleicht weil die Amerikaner an die Demokratie, an die Verfassung „glauben“. Aber das ist vielleicht nur die oberflächliche Antwort. Denn an was „glauben“ die Amerikaner wirklich? Vielleicht an etwas das sie nur in einer Demokratie glauben dürfen?

Die USA sind, mal ganz oberflächlich betrachtet, von „Glaubensflüchtlingen“ gegründet wurden, dessen jeweilige Religion in ihren ursprünglichen Heimatländern unterdrückt wurde. Die freiheitliche Demokratie, mit ihren Menschenrechten und Wahlen und alles was dazu gehört, ist also kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Ziel. Ziel ist quasi die Abwesenheit von Staat, nämlich die Abwesenheit eines Staates, der ihnen vorschreibt woran sie zu glauben haben, beziehungsweise die Anwesenheit eines Staates, der diese Freiheiten garantiert und verteidigt. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele unterschiedliche Ausprägungen des (religiösen) Glaubens in den USA existieren, wenn man sich vor Augen führt, dass vor allem im Umfeld der Republikaner (Partei) die streng gläubigen (Evangelikalen etc.) tonangebend sind, wenn man sich vor Augen führt, dass offenbar gerade diese politische Richtung sogenannte „imperiale“ Züge in sich trägt „America is the greatest Country in the World“… Die (verbissene) Verteidigung des amerikanischen Lebensstils, der Verteidigung der amerikanischen Verfassung (und Demokratie?) wird offenbar zum großen Teil von Leuten geführt, denen eigentlich nicht der Staat das wichtigste ist, sondern die Religion, die sie in diesem Staat ausüben dürfen.

Wie gesagt, es gibt unterschiedlichste Konfessionen, gerade in den USA. Diese profitieren jeweils davon, dass eine freiheitliche demokratische Ordnung besteht, in der Glaubensfreiheit herrscht. Auch wenn manche (religiöse) es nicht kapieren, ein autoritärer religiöser Staat in den USA, eine autoritäre religiös geprägte Regierung ind en USA, wäre für KEINE der Glaubensrichtungen gut, da der Staat sich entscheiden müsste welche Konfession, welche Glaubensfragen im Detail, er bevorzugt. In einem Land mit unterschiedlichen Ausrichtungen des Glaubens wäre es fatal. Oberflächlich gesehen sind die USA „evangelisch/protestantisch“ geprägt. Wenn man genauer hinsieht, dann setzt sich das alles aber aus unzähligen kleinen Konfessionen zusammen, die jeweils Minderheit sind. Diese Minderheiten sind jeweils darauf angewiesen, dass sie in einem Staat mit freiheitlich demokratischer Grundordnung und den entsprechenden Freiheits- und Religionsrechten leben.

Die Abwesenheit eines autoritären Staates ist notwendig damit ein streng gläubiger Anhänger einer kleinen Konfession seinen Glauben privat ausleben kann. Die Diversität einer Kultur stärkt eine freiheitliche Demokratie, da es es keine eindeutig erkennbare Mehrheitskultur gibt, die von einem autoritären Staat (in dem zum Beispiel eine Religion zur Staatsreligion erklärt wird) profitieren würde.

Sobald man jedoch der Meinung ist, dass man einer Volksmehrheit angehört, sei es einer Mehrheit hart arbeitender Bürger oder einer Mehrheit von brav betenden Gottesdienstbesuchern, steigt die Bereitschaft einen authoritären Staat, sei es ein autoritärer sozialistischer Staat, oder ein authoritärer Gottesstaat, zu akzeptieren.

Wie kann es sein, dass die amerikanischen Politiker, die privat die bedingungslose Gehorsamkeit gegenüber Gott/Kirche predigen (was wenig frei klingt) im politischen die Freiheit fordern? (Außer bei der Freiheit zur Abtreibung, aber das ist ein anderes Thema…). Das macht nur Sinn wenn man sich vor Augen führt, dass eigentlich jeder streng gläugibe Amerikaner einer Konfession angehört, die jeweils zwar meist protestantisch geprägt ist, aber in Detail jeweils eine Minderheit darstellt, die von Freiheitsrechten profitiert.

Während in einem Land wie Iran, Ägypten oder wohl auch Türkei, wo offenbar der Glauben homogener ist ein authoritärer religiöser Staat möglich ist, ohne dass die Bevölkerung sich erhebt ist dies in einer heterogenen Gesellschaft nicht möglich. Und vor allem nicht in einer heterogenen Gesellschaft die sich zwar aus unterschiedlichen Konfessionen zusammensetzt, denen jeweils der eigene Glaube aber sehr (!) wichtig ist.

Es gibt in den USA, wo es sehr viele strenggläubige Menschen gibt, keine Konfession die die Mehrheit bildet. Die katholische Kirche ist laut https://en.wikipedia.org/wiki/Religion_in_the_United_States ofenbar die größte Gemeinschaft. Aber sie ist nicht die Mehrheit. Die Protestanten kommen der Mehrheit zwar nahe, sind aber in viele Konfessionen gegliedert. Christen sind zwar insgesamt die Mehrheit. Aber wie gesagt, sie sind in sich gespalten in viele „Denominations“ , die sich im Detail unterscheiden, aber, wie soll ich ausdrücken, viele gläubige sind ihrer jeweiligen „Denomination“ so hingegeben, dass es für diese Menschen undenkbar wäre wenn der Staat autoritär die Richtung in Glaubenssachen vorgeben würde.

Ähnliches scheint man in der Türkei zu sehen, wo die Anhänger der (Minderheit) Gülen Bewegung offenbar sich nicht mit dem authoritären „mainstream-islamisch“ geprägten Staat von Erdogan anfreunden können. Dass eine religiöse Minderheit die Macht übernimmt ist allerding nur in Ausnahmefällen möglich, deshalb scheint es durchaus denkbar, dass Militärangehörige dieser religiösen Minderheit putschten, in der Hoffnung Glaubensfreiheit mit Gewalt einzuführen. Aber wie gesagt, da fehlt mir das Detailwissen über die inner-türkischen Zustände.

Wenn man sich vor Augen führt, dass in den USA sowohl die religiöse Hingabe bei den Gläubigen, als auch die Diversität der (jeweils stark organisierten) Konfesionen, extremer ausgeprägt ist als in vielen anderen Ländern (siehe auch http://www.zeit.de/2011/09/Glaubensluecke ) , scheint es logisch, dass die USA auch weiterhin versuchen werden „Freiheit und Demokratie“ zu verteidigen. Offenbar kann nur ein Land in dem es viele streng religiöse Minderheiten gibt Garant für Freiheit und Demokratie sein, da diese religiösen Minderheiten jeweils auf elementare Bestandteile dieser freiheitlichen Demokratie, auf Meinungsfreiheit und auf Glaubensfreiheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit, angewiesen sind. Auch wenn im privaten diese freie Entfaltung dazu führt, dass man sich bedingungslos Gott oder dem örtlichen Kirchenoberhaupt unterwirft.

Das besorgniserregende: In Ländern wie Deutschland könnte eine brisante Kombination aus „Staatskirche“ (die staatlich previligierten traditionellen Kirchen) und „Wohlfahrtsstaat“ dafür sorgen, dass die Menschen ihr Heil nicht in privaten Organisationen (und damit in Freiheit und Demokratie) suchen, sondern in einem autoritären Staat, der sowohl die großen Kirchen finanziert, aber vor allem der einzige wirkliche Wohlfahrtsträger ist. Wer in Deutschland soziale Wohltaten will, und sieht dass der Staat der einzige Träger von sozialer Wohltat ist, der wird im Zweifel nicht Freiheit für private (religiöse) Organisationen fordern sondern einen starken autoritären (sozialen) Nationalstaat. Und da der Glaube an den Staat die Menschen eint und damit homogen macht…

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