Über Globalisierung und (vor allem) über Verantwortung

Und für alle die noch nicht wissen was Globalisierung ist: Globalisierung ist, wenn alle 7 Milliarden Menschen das Produkt des jeweils weltbesten Produzenten kaufen können. Ich sage nicht, dass ich das schlecht finde. Eigentlich ganz im Gegenteil. Ich sage nur, dass das gewisse Auswirkungen auf die Produzenten hat die zwar recht fleißig und ganz gut sind, aber eben nur die dritt- oder siebtbesten der Welt sind. Und ich sage wir müssen uns darüber Gedanken machen wie wir damit umgehen. Einfach zu sagen „Selbst schuld, dass du weltweit nur zweitbester und damit erster Verlierer bist.“ Erscheint mir etwas billig. Sicher, jeder kann theoretisch aus eigener Kraft bester der Welt werden und in einer globalisierten Welt damit der Gewinner sein. Aber es kann eben nur einen besten geben… Genauso wie es nur einen Fußballweltmeister geben kann… Haben diejenigen Teams die nicht den Pokal hochhalten deswegen ihre Existenzberechtigung verwirkt? Natürlich nicht. Auch das Konzept der „Eigenverantwortung“ greift hier nicht wirklich, denn natürlich kann es in einer Gesellschaft, vor allem in einer globalisierten Gesellschaft, sein, dass Jemand einfach nichts dafür kann, dass der Weltmarktführer talentierter ist und mehr Ressourcen zur Verfügung hat. Und wie gesagt, in vielen Bereichen geht die Tendenz dazu, dass eigentlich nur der Weltmarktführer wirklich von seinem Produkt leben kann. Zum Beispiel bin ich hier beim Weltmarktführer für soziale Netzwerke angemeldet. Warum meldet sich kaum jemand beim zweitgrößten an? Mal drüber nachdenken… Nun gibt es zwei Alternativen: Entweder wir sagen: „Wenn du nicht Weltmeister im 100 Meter Lauf wirst, und deshalb nicht wirklich dauerhaft davon leben kannst, dann muss du selber dir was anderes suchen.“ Oder wir sagen: „Ok, du bekommst die Chance das zu machen was du willst, du bekommst ein klein wenig damit du überhaupt die Chance hast irgendwas zu machen, du kannst aber jederzeit aus eigener Kraft versuchen noch besser zu werden damit du NOCH MEHR Lohn erhälst.“ Diese beiden Alternativen bedeuten also: 1. Nur der (weltweite) Gewinner verdient seine Existenz selber. 2. Jeder verdient seine Existenz, der (weltweite) Gewinner verdient NOCH MEHR.

Manche sagen, der zweite Weg ist eine Abkehr vom Prinzip der Selbstverantwortung. Ich denke, dies ist nicht der Fall. Erstens bedeutet Selbstverantwortung auch, dass man als gesellschaftlicher Akteur (Mir fällt kein besserer Begriff ein) oft auch Verantwortung für andere übernimmt. Wenn ich (als Regierung oder als Wirtschaftselite oder was auch immer) alles Gold oder Geld oder Vermögen in der Hand hab, dann können diejenigen die dieses Vermögen nicht haben eben NICHT aus eigener Kraft an dieses Vermögen, an diese Ressourcen. Sie sind immer darauf angewiesen, dass der Besitzer es ihnen gibt. Wenn der Besitzer oder der Verwalter des Vermögens aus eigener Kraft entscheidet diese Menschen NICHT an diesem Vermögen teilhaben zu lassen, dann kann der Nichtbesitzende soviel rackern wie er will, er ist nicht in der Lage aus eigener Kraft seine Situation zu verbessern. Die Entscheidung, dass die Besitzenden, oder die gesellschaftlichen oder politischen/staatlichen Kräfte die dazu in der Lage sind, den Menschen „bedingungslos“ ihre Existenz ermöglichen (auch wenn diese nicht im weltweiten wirtschaftlichen Wettbewerb als Sieger hervorgehen) ist also keine Abkehr vom Prinzip der Verantwortung die der handelnde selber trägt. Es ist falsch wenn der „mächtige“ (derjenige der Zugriff auf das Vermögen hat) sagt „Ihr tragt selber die Verantwortung an das Vermögen zu kommen“. Nein, das ist nicht so. Der Nichtbesitzende kann den Mächtigen, den Besitzenden, NICHT ZWINGEN ihm einen Anteil zu geben. Solange dies so ist trägt allein derjenige der Zugriff zu dem Vermögen hat, und verbindlich darüber entscheiden kann ob es verteilt wird oder nicht,  die Verantwortung dafür, dass die Nichtbesitzenden nichts besitzen. Das ist (leider) so ähnlich wie beim Kinderkriegen. Das Kind hat nicht die Möglichkeit selber zu entscheiden ob es geboren werden will oder nicht (Und hierbei lasse ich mal der Deutlichkeit halber bewusst die Weltanschauungen außer Acht die das in welcher Art auch immer anders sehen…). Allein die Eltern tragen die Verantwortung dafür ob sie das Kind bekommen oder nicht. Sie allein müssen sich (vor dem Kind oder vor wem auch immer…) dafür verantworten dass sie es bekommen haben oder (eine noch viel größere Verantwortung), dass sie es NICHT bekommen haben. Die Verantwortung selber tragen heißt also nicht, dass jeder in einer von der Welt und der restlichen Gesellschaft abgeschotteten Blase lebt und vollständig selbst darüber entscheidet wie sein Leben aussieht. Es ist vielmehr so, dass man auch selbst die Verantwortung trägt dafür was sein Handeln mit den anderen Menschen bewirkt. Wenn ich jemand anderem mit dem Hammer auf den Kopf haue dann trägt nicht der andere die Verantwortung dafür (er hätte ja theoretisch aus eigener Kraft ausweichen können…) sondern ich trage die Verantwortung für mein Handeln und muss mich (vor dem anderen, vor der Gesellschaft oder vor wem auch immer…) verantworten.

Natürlich gibt es Menschen die das Prinzip der Selbstverantwortung vollständig ablehnen. Das ist hier jetzt aber nicht mein Thema. Ich will nur zeigen, dass das Argument „Du bist selber verantwortlich“ nicht als Argument gegen eine bedingungslose Existenzsicherung greift.

Es fällt also unter die Selbstverantwortung derjenigen die in der Lage sind etwas zu ändern. Wenn Eltern entscheiden ein Kind zu bekommen dann muss das Kind mit dieser Entscheidung leben (Wie gesagt, ich fände es unverantwortlich hier Weltbilder zugrunde zu legen die das anders sehen…) aber niemand, der vom Prinzip der Selbstverantwortung ausgeht, würde ernsthaft behaupten, dass dadurch die Selbstverantwortung von den beteiligten Personen genommen wird. Deutlicher ausgedrückt: Die Eltern tragen die Verantwortung dafür zu sorgen, dass das Kind in die Lage versetzt wird ein selbstverantwortetes Leben zu führen. Und damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt in unserer gesellschaftspolitischen Frage: Die gesellschaftlichen Akteure die das Vermögen, die Ressourcen besitzen und verwalten tragen selbst die Verantwortung dafür zu sorgen, dass die „vormals Nichtbesitzenden“ in die Lage versetzt werden ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Das Kind braucht einen Körper um ein eigenes Leben zu führen, nur die Eltern können ihm diesen geben. Der existierende Mensch braucht (jetzt wird es etwas profan) eine Startgenehmigung für seinen ersten 100 Meter Lauf, einen Apfel um die Kraft zu haben zu seinem Bewerbungsgespräch zu laufen, ein Bahnticket um zu einer Arbeit zu fahren die weit weg ist, eine Nähmaschine um für andere Leute Kleidung zu nähen, ein Stück Land um eine neue Sorte Gemüse anzubauen. Wenn er dies hat, ok, dann trägt er selbst die Verantwortung dafür etwas draus zu machen. Wenn er es nicht hat, dann trägt derjenige der die Möglichkeit hätte ihm etwas zu geben die Verantwortung dafür, dass er es nicht getan hat.

Wenn wir nun zu unseren beiden Alternativen zurückkehren (zur Erinnerung: 1. Nur der (weltweite) Gewinner verdient seine Existenz selber. 2. Jeder verdient seine Existenz (bedingungslos), der (weltweite) Gewinner verdient NOCH MEHR.) dann muss jetzt doch klar werden, dass die Alternative 1 doch eigentlich diejenige ist die  die das Prinzip der Selbstverantwortung eher verneint. In Alternative 1 ist „jeder seines Glückes Schmied“ aber diejenigen die kein Eisen und keinen Hammer in die Hand bekommen können nicht selbstverantwortet schmieden… In Alternative 1 tragen diejenigen die etwas besitzen die Verantwortung dafür, dass die anderen nicht besitzen und damit in ihrer Handlungsmöglichkeit eingeschränkt sind. In Alternative 2 übernehmen die Besitzenden die Verantwortung dafür, dass sie den anderen etwas geben (ja, sie geben damit auch Verantwortung ab…) und geben denjenigen die vorher nichts hatten die Möglichkeit selbstverantwortlich mit dem was sie haben etwas zu machen.

Ich glaube so langsam wird klar was ich sagen will oder? Ich denke, es ist nicht richtig wenn man eine zunehmdende Ungleichverteilung des Vermögens oder gar die Existenz eines Königtums damit begründet, dass man sagt „Jeder andere hat theoretisch auch die Chance König zu werden oder an das Vermögen zu kommen“. Das ist falsch. Wenn der Besitz oder die Macht erstmal sich bei irgendwelchen Personen versammelt hat, dann besteht für die Besitz- oder die Machtlosen keine Chance mehr aus eigener Kraft UND auf legalem Wege an den Besitz oder die Macht zu kommen. Die Besitzenden oder die Mächtigen tragen selber die Verantwortung ihren Besitz oder ihre Macht abzugeben. Die Nichtbesitzenden oder die Nichtmächtigen können aus eigener Kraft nur an den Besitz oder die Macht kommen wenn sie illegale Wege gehen, so wie dies bei Revolutionen geschieht. Nun sagen manche: Wenn ich einen Arbeitsvertrag habe dann muss der Besitzende mir doch Lohn geben und das ist dann legal. Das stimmt vielleicht, aber ich kann ihn nicht zwingen mir einen Arbeitsvertrag zu geben…

Ergänzend:

Dementsprechend gibt es bei der Frage der (weltweiten) Vermögensverteilung und der Frage der (Um-)Verteilung dieses Vermögens zwei mögliche Vorgehensweisen um eine gleichere Verteilung zu erreichen:

1. Der legitime Weg: Die Besitzenden (oder die Mächtigen) beschließen selbstbestimmd von ihrem, oder von dem Vermögen auf das sie Zugriff haben, etwas an diejenigen abzugeben die nichts oder nicht viel besitzen. Dies wäre der gesetzestreue, der legitime, Weg. Wobei es eigentlich zwei mögliche legitime Wege gibt: 1a: Die Besitzenden beschließen eine PRIVATinitiative zu unternehmen um das Vermögen quasi zu spenden. 1b: Die Mächtigen (In einer Demokratie die Wähler, die Regierenden oder gar die Könige sofern es noch welche gibt) beschließen die Gesetze STAATlicherseits dementsprechend zu ändern, dass die Besitzenden abgeben müssen.

2. Der „illegitime Weg“: Wobei man hierbei sagen muss, dass die französische Revolution, der Sturz des Königs und die Einführung der Demokratie eigentlich auch eine illegitime, also eine gegen die Gesetze des Königs, verstoßende Handlung war. Die Nichtbesitzenden die weder Besitz haben noch Macht (entweder weil sie nicht die Mehrheit sind oder weil es kein entsprechendes politisches System gibt oder weil schlicht andere die Macht haben) zwingen die Besitzenden ihren Besitz abzugeben oder sie zwingen die Regierung den Besitz „einzutreiben“. Dies ist kein gesetzestreuer Weg aber der einzige Weg wenn die Nichtbesitzenden aus eigenem selbstbestimmten Handeln heraus, ohne auf private oder staatliche Wohltaten angewiesen zu sein, die Verhältnisse und damit auch ihr eigenes Leben entsprechend ändern wollen.

Solange der Besitz, das Eigentum in einer strengen Art und Weise durch Gesetz geschützt ist, und der Schutz des Eigentums ist in den allermeisten Staaten ein wichtiges festgeschriebenes Grundrecht, gibt es keinen wirklich gesetzestreuen Weg wie die Nichtbesitzenden an den Besitz der Besitzenden aus eigenem Antrieb kommen können. Und ich spreche hier vom grundsätzlichen Prinzip. Klar gibt es in einigen Ländern Vermögenssteuer, aber vom Prinzip her ist es so: Wenn das Eigentum grundrechtlich geschützt ist gibt es keinen legitimen Weg für die Nichtbesitzenden an den Besitz zu kommen, es sei denn die Besitzenden entscheiden in eigener Verantwortung etwas abzugeben. Da dies aber ganz offensichtlich sehr selten geschieht, genauso selten wie ein König freiwillig abdankt, wächst die Schere zwischen Arm und Reich weltweit. Und provokativ gefragt:

Warum wohl gibt es kein (Grund-)recht auf unbeschränkte Macht?
Und ist ein Recht auf unbeschränktes Eigentum nicht vielleicht genauso absurd?

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